Himmelsräume...
Seit einigen Jahren haben für mich Farbräume stark an Bedeutung gewonnen. Die Vorgehensweise meines malerischen Prozesses hat sich in diesen Jahren etwas geändert. Inzwischen gehe ich oftmals nicht mehr von einer vorentworfenen Komposition aus, sondern baue zunächst eine Farbatmosphäre auf, indem ich angemischte Farbnuancen über die Leinwand fließen lasse und mit verschiedenen Mitteln auf das Zusammenwirken der Farben Einfluß nehme. Ein Prozess aus Konzentration und Spiel.
So entsteht der Anfang eines atmosphärischen Farbraums, in dem auch Zufälligkeiten und Überraschungen vorkommen und in welchem gleichermaßen Gefühlszustände angestoßen werden. Der Prozess gewinnt dabei an Bedeutung. Das Reagieren auf Zufall fordert schnelle Entscheidungen. Die Bildkomposition ist in diesem ersten Schritt noch offen, aber das Unterbewusstsein, das Bildgedächtnis und die Fiktion beginnen
zu arbeiten.
Im weiteren Malprozess suche ich den Punkt, an dem die Atmosphäre und die Gegenständlichkeit zu einer Einheit verschmelzen und Teile der äußeren Welt mit unserer inneren Welt kulminieren. Es findet ein ständiger Reflexionsprozess darüber statt, auf welche Weise man die innere und die äußere Welt verknüpfen könnte. Welche Irritationen und Störungen man durch die Kombination unerwarteter Assoziationen und Bedeutungsebenen in der Gleichzeitigkeit des Zufälligen, des Assoziativen und des bewusst Gelenkten forcieren oder wieder wegnehmen möchte. Hinzu kommt das Wechselspiel der Farben, das unbeirrt seiner eigenen Logik folgt.
Obwohl zwar oftmals behauptet wurde, dass die Fotografie die Malerei ablösen wird, war die Abbildfunktion in der Malerei nie wirklich bedeutsam. – Eigentlich zu keiner Zeit. Die Wirklichkeit der Malerei besteht aus einer Vielzahl unterschiedlicher Schichten, die sich überlagern und verschmelzen. Diese Schichtungen bestehen aus der Materialität des Farbauftrags, der Malweise, der emotionalen Wirkung der Farbe und der assoziativen Wirkung des Dargestellten, das in unserem kollektiven Bildgedächtnis schürft oder auch fremdartig erscheint. Malerei besteht aus Verdichtung. In dieser Verdichtung bildet sie nichts ab, sondern bildet etwas aus, das mit unseren Empfindungen mehr zu tun hat als mit dem Realen.
Wahrscheinlich suchen Maler nach dem Moment, in dem die Dinge in ihrer eigentlichen Seinsform sind – wo das Sein, die Erscheinung und die Wirkung für einen Moment zusammenfallen und eine bildhafte Wirklichkeit entsteht. Diese kann anrühren aber auch verstören. Die sanfte Wolke des Unerklärbaren, die über der Welt liegt, kann in manchen Momenten zum Abgrund werden und die Realität in Frage stellen.
Sid Gastl, 2025